Das Mietshäuser Syndikat stellt sich vor

30 deutsche Hausprojekte und 27 Projektinitiativen bilden einen festen Verbund. Die Häuser gehören jedoch weder den MieterInnen, noch anderen Privatpersonen, noch dem Mietshäuser Syndikat: Jedes der bestehenden Hausprojekte ist autonom, d.h. rechtlich selbstständig mit einem eigenen Unternehmen, das die Immobilie besitzt. Und es werden mehr. Der Verbund des Mietshäuser Syndikates ist generell offen für neue, selbstorganisierte Hausprojekte; so auch für die vorher genannten 27 Projektinitiativen, die sich „ihr Haus“ erst noch aneignen wollen. Die Folge ist, dass der Verbund fröhlich weiter wächst.

Wie funktioniert das Mietshäuser Syndikat? Was ist der Zweck? Eine Alternative zu Hausbesetzung oder privater Wohnidylle? Kritisch gefragt: Was ist daran sinnvoll, eine feste Verbindung zwischen einer großen und wachsenden Zahl von autonomen Hausprojekten herzustellen? Zwischen Projekten, die zum Teil Hunderte von Kilometern auseinander liegen. Deren BewohnerInnen die Leute aus den anderen Häusern oft nicht kennen. Und deren Unterschiedlichkeiten geradezu ins Auge springen, von der Größe und Lage über die Entstehungsgeschichte bis hin zur politischen und sozialen Zielsetzung. Welche Idee hält diesen Gemischtwarenladen von Projektidentitäten zusammen?

Nähere Infos: www.syndikat.org

Eine Veranstaltung von révolté in Kooperation mit i:da
www.revolte.at.ttwww.ideedirekteaktion.at

Zeit: Dienstag, 20. März 2007, 18 Uhr
Ort: i:da (Zwölfergasse 9, 1150 Wien)

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Anschließend i:da Filmabend:

„Was tun wenn´s brennt?“
BRD 2001, D: Til Schweiger, Doris Schretzmeyer

13 Jahre sind vergangen seit Tim Teil der autonomen HausbesetzerInnenszene Berlins war. Während Tim diesen Idealen stets treu geblieben ist, haben sich die Lebenswege der anderen MitbewohnerInnen gänzlich anders entwickelt: Hochzeit – Werbeagentur – Staatsanwalt. Die gemeinsame Zeit ist nur noch eine Erinnerung und dabei würde es normalerweise auch bleiben. Da explodiert plötzlich ein damals von der Gruppe selbstgebastelter, längst vergessener Sprengsatz in einer Villa und die Vergangenheit holt die sechs wieder ein.

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Die Veranstaltung findet in einer losen Reihe zum Thema „Freiräume“ statt – watch out! Nächster Termin: „Die Freiräume/n: Zur Logik des Ortes“, Zeit: Donnerstag, 22. März 2007, 19 Uhr, Ort: Depot, Breitegasse 3, 1070 Wien. Nähere Infos: www.igkulturwien.net

„Que se vayan todos“ – „Sie sollen alle abhauen“

Regierungsangelobung in Wien – Donnerstag Treffpunkt 10:00 vor der Uni oder am Ballhausplatz.

(Post)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude.

Soeben ist die (Post)Operaismus-Einführung der grundrisse-Redakteure Martin Birkner & Robert Foltin im Schmetterling-Verlag in der Reihe theorie.org erschienen. (Siehe auch: Verlagswebsite )

In den nächsten Tagen gibt es daher in Hamburg, Berlin und Bremen Präsentationsveranstaltungen, die euch im folgenden ans Herz gelegt werden:

(Post)Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude.

Das vorzustellende Buch zeichnet die theoriegeschichtliche Entwicklung des Operaismus in seiner Wechselwirkung mit den sozialen Bewegungen nach. Dabei beschränkt sich die Diskussion bewusst nicht auf Italien, sondern stellt die Auseinandersetzungen im globalen Rahmen dar. Die postoperaistischen Debatten der Gegenwart werden anhand von Hardt/Negris «Empire» und «Multitude», John Holloways «Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen» und Paolo Virnos «Grammatik der Multitude» ausführlich dargestellt. Zentrale Aspekte ist dabei der historische Übergang der politischen Subjektivitätsformen von der „autonomen“ ArbeiterInnenklasse zu den unhintergehbar vielfältigen Artikulationen der „Multitude“. Aber auch Kritikpunkte, sowohl aus «klassisch operaistischer» wie aus feministischer Sicht werden berücksichtigt. Abschliessend werden (post)operaistisch beeinflusste soziale Bewegungen vorgestellt.

In der Diskussion soll auf folgende Fragen fokussiert werden:

    • Ist der Begriff der Multitude tatsächlich Ausdruck «neuer» Subjekte, wie etwa der InformationsarbeiterInnen?
      Inwieweit kann mit den Begrifflichkeiten der Biopolitik die Vielfalt sozialer Auseinandersetzungen erfasst werden?
      Wie kann ein nicht-hierarchisches Verhältnis von Theorieproduktion und sozialen Bewegungen bzw. Klassenkämpfen aussehen?
  • Termine

    Mittwoch, den 27. September 2006 um 19 Uhr
    im Butt Club Hafenstraße 126, Hamburg.

    Donnerstag, den 28.09.2006, um 19.30
    im Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a (Mehringhof), Berlin

    Dienstag, den 3. Oktober um 20 Uhr
    im Paradox (Bernhardstraße 12), Bremen

    … und, nur um es schon vorzumerken, die Buchpräsentation samt Party findet im November dann auch in Wien statt.

    Chefduzen.at Online …

    … weil wir werden verlieren, wenn wir uns nicht organisieren, mobilisieren, analysieren, formulieren?

    Wie kann es zu Vernetzung und Widerstand in unserem alltäglichen Arbeits-Leben kommen? Eine altbekannte Frage. “Chefduzen” scheint eine Antwort darauf zu sein. Chefduzen.de, das Forum der Ausgebeuteten, besteht in Deutschland seit über zwei Jahren und boomt. Von Information und Austausch über Scheißjobs, über Tipps und Tricks im Umgang mit Arbeitslosen− und Sozialämtern bis hin zu Vernetzung, Sabotage, Aktion, Widerstand und Streik, über all das wird auf dem Forum diskutiert. Oft bleibt Gesagtes nicht nur virtuell, sondern findet auch reale Umsetzung.

    Der Name “Chefduzen” hat zumindest einen zweifachen Hintergrund. Zum einen als Charakteristikum “neuer” Arbeitsverhältnisse: alles ist locker, es gibt keine oder “flache” Hierarchien. Der Lohn ist niedrig. Überstunden werden nicht bezahlt, aber als selbstverständlich angenommen – dafür ist der Kaffee gratis und du darfst deineN ChefIn duzen. Für die “alten”, noch fordistisch angehauchten Arbeitsverhältnisse symbolisiert er hingegen eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber den Vorgesetzten.

    Das Internet als Kampf-werkzeug

    Die Idee war, das Internet als Werkzeug zu nutzen um sich auszutauschen, so eineR der BetreiberInnen des Forums. Neben der Möglichkeit einfach Dampf vom täglichen Arbeitsfrust abzulassen, werden hier Informationen und Tipps ausgetauscht (einige ForumuserInnen stellen ihre professionellen Rechts- und Schuldenberatungskentnisse zur Verfügung) und – und das ist vielleicht einer der größten Vorteile – es besteht die Möglichkeit, andere unter ähnlichen Arbeitsbedingungen Leidende kennen zu lernen. Ob Museumsaufsicht, im Call-Center, als Deutsch-als-Fremdsprache-LehrerIn oder wie und wo auch immer prekär beschäftigt, die Arbeit findet oft vereinzelt statt und es besteht kein Kontakt zu jenen KollegInnen die in anderen Einsatzorten oder Firmen beschäftigt sind. Chefduzen soll dabei helfen, sich zu vernetzen und damit die Grundlage für gemeinsames Handeln und Organisierung bieten. Das Forum reicht dabei mittlerweile weit über innerlinke Diskussionszirkel hinaus. Auch die Spaltung zwischen fix Beschäftigten, Arbeitslosen und prekär Beschäftigten wird hier zumindest virtuell aufgehoben.

    Ämter-Blues & Gesundheitswesen

    Die am meistbesuchten Bereiche des “Forums der Ausgebeuteten” sind der Arbeitslosenbereich Ämter-Blues, Leih- und Zeitarbeit sowie New Economy und hierbei vor allem die Call Centers. Daneben finden sich aber ebenso Threads zum Öffentlichen Dienst, einzelnen Betrieben, Zivil- und Präsenzdienst, Schwarzarbeit, 1-Euro-Jobs, Handel und alles mögliche und unmögliche mehr. Es gibt sowohl thematisch-inhaltliche als auch regionale bzw. branchenspezifische Gliederungen. Entstanden sind die jeweiligen Bereiche aus den Bedürfnissen der ForumsnutzerInnen selbst. Bei Bedarf werden neue Kategorien eingerichtet. Mit mittlerweile über 2300 registrierten Mitgliedern, rund 60 Beiträgen und 2000 Zugriffen täglich kann chefduzen.de wohl als Erfolgsgeschichte betrachtet werden. Wahrscheinlich, weil in den Diskussionen auf innerlinke ideologische Grabenkämpfe verzichtet wird, und (deshalb?) der NutzerInnenkreis auch weit über die organisierte Linke hinausgeht. Ob sich aus den Kommunikationsformen auch „handfestere“ (Arbeits)Kämpfe entwickeln, ist schwer zu sagen, jedenfalls entstehen teilweise auch jenseits des virtuellen Forums nach guter alter Tradition NutzerInnenstammtische.

    Vom Klagen und Loben …

    Der Boom von Chefduzen verdankt sich aber nicht nur seiner Adäquatheit gegenüber neuen Arbeits- und Lebensformen, sondern auch der Aktivität bundesdeutscher Gerichte: Nachdem das Forum mehrfach von Firmen geklagt wurde (UserInnen berichteten über strafrechtlich relevante Internas von Unternehmen – “üble Nachrede” heißt das dann statt “üble Firmenpraktiken”), wurden erst Internetmedien, bald aber auch die bürgerliche Presse hellhörig und Chefduzen dadurch breitere Bekanntheit verschafft. Wie sagte einst der große Vorsitzende Mao: “Wenn der Feind uns bekämpft, ist das gut und nicht schlecht!” Stehen Klagen ins Haus, greifen die Chefduzen-AktivistInnen neuerdings zu Mitteln, die auch den Unterhaltungswert des Forums erhöhen: Die inkriminierten Stellen in Postings werden ins exakte Gegenteil verkehrt, die genau bezeichneten Praktiken der Firmen in den höchsten Tönen gelobt, die Firma als Paradies der Werktätigen gepriesen. Amen! Und übrigens, Gerüchte über NachahmungstäterInnen hierzulande verdichten sich, also jetzt auch: Chefduzen.at.

    Aus: révolté 03, August 2006

    Den Kärntner Konsens angreifen! Schluss mit dem Ulrichsbergtreffen! Napasti koroški konsenz! Konec s srečanjem na Ulrichsbergu/Vrhu!

    Ulrichsberg 2006

    Traditionspflege in Kärnten / Negovanje tradicije na Koroškem
    Seit 1958 treffen sich alljährlich im Herbst Veteranen der Wehrmacht und (Waffen-)SS, sowie deren Angehörige und ideologische „Nachfahren“ bei der „Europa-Heimkehrergedenkstätte“ am Ulrichsberg in Kärnten/Koroška. Unterstützt vom österreichischen Bundesheer, gehuldigt durch (fast) alle politischen Parteien, reisen zu den Feierlichkeiten Delegationen und Kameradschaften aus Deutschland, Norwegen, Belgien, Finnland, Frankreich, Schweden, Dänemark, Italien und den Niederlanden an.

    Gedacht wird der gefallenen Kameraden und ihrer „anständigen Pflichterfüllung“ als Soldaten. Dabei wird der Mythos vom „Kampfes- und Opfertod“ für die „Freiheit des Vaterlandes“ in beiden Weltkriegen, wie auch im Kärntner „Abwehrkampf“, genährt. Im Gegensatz dazu, wurde den Opfer der SS und des verbrecherischen Krieges der Wehrmacht beim Gedenken am Ulrichsberg, der in den letzten Jahren immer stärker als „Europäische Freidensgedenkstätte“ hochstilisiert/umfunktionalisiert wurde, bis heute kein Platz eingeräumt.

    Organisiert und ausgerichtet werden die Feiern vom „Verein für die Heimkehrergedenkstätte ‚Ulrichsberg‘“ (Ulrichsberggemeinschaft), dessen Aktivitäten sich bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück verfolgen lassen. Die Ulrichsberggemeinschaft stellt einen Zusammenschluss von u.a. dem „Österreichischen Kameradschaftsbund“, dem „Kärntner Abwehrkämpferbund“, dem „Kärntner Heimatdienst“, der „Kameradschaft ehemaliger Gebirgsjäger“, dem „Heimkehrerverband Kärnten“, Vertretern der „Kärntner Landsmannschaft“ und der „Volksdeutschen Landsmannschaft“ dar.

    Eine Schlüsselstelle beim Ulrichsbergtreffen nimmt als ständige Mitgestalterin des Festaktes die Kameradschaft IV (KIV), eine Veteranenorganisation ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS, ein. Darüber hinaus veranstaltet die KIV am Tag vor dem Ulrichsbergtreffen traditioneller Weise eine eigene Begleitveranstaltung in Krumpendorf/Kriva Vrba, auch als „Krumpendorftreffen“ bekannt geworden, welche als Brückenschlag zwischen „jung“ und „alt“ fungieren soll. Prominentester Referent war dort Jörg Haider, Kärntner Landeshauptmann und (ideologischer) Chef der Regierungspartei BZÖ, der 1995 in einer Aufsehen erregenden Rede den versammelten SS-Soldaten Dank und Anerkennung aussprach.

    „Deutsches Kärnten“ / „Nemška Koroška“
    Auftritte von SpitzenpolitikerInnen am Ulrichsberg sind, jedoch keine „einmaligen Ausrutscher“, sondern gelebte Normalität. Denn auch abseits von (Ex-)FPÖ/BZÖ PolitikerInnen ist diese Art der Geschichtsauffassung in Kärnten/Koroška politischer Alltag. Der deutschnationale Konsens besteht über alle Parteigrenzen hinweg. So war in den letzten 20 Jahren Politprominenz aus den Reihen von ÖVP und SPÖ zahlreich beim Ulrichsbergtreffen zu finden: amtierende wie ehemalige BundesministerInnen, genauso wie sozialdemokratische Landeshauptleute, sowie (fast) alles, was Kärnten/Koroška an Lokalpolitikern zu bieten hat.

    Anschauliche Beispiele dafür, wie die Kameradschaft über Parteigrenzen und Generationen hinweg funktioniert, sind Rudolf Gallob, ehemalige SP-Landeshauptmannstellvertreter, heute Präsident der Ulrichsberggemeinschaft und Harald Scheucher, der derzeitige Klagenfurter VP-Bürgermeister und Sohn des Mitbegründers des Ulrichsbergtreffens Blasius Scheucher. Die Unbeirrtheit mit der er seine schützende Hand über die Ulrichsberggemeinschaft hält, ist Ausdruck der verbreiteten Identifizierung mit den soldatischen Tugenden der Wehrmacht, sowie dem in Kärnten/Koroška bis heute geführten „Abwehrkampf“ der „Deutsch-Kärntner“.

    Mit dem völkischen Deutschnationalismus als grundlegender Ideologie der Ulrichsberggemeinschaft, bzw. ihrer Mitgliedorganisationen, geht die Paranoia vor allem Slowenischen Hand in Hand. Der politische Kampf der PartisanInnen gegen den Nationalsozialismus wird von den VerteidigerInnen der Deutschen Wehrmacht zu einer Kette von angeblich jugoslawisch-nationalistisch inspirierten Verbrechen umgelogen – da klingt noch die „Bandenbekämpfung“ der nationalsozialistischen Propaganda nach.

    Während der bewaffnete antifaschistische Kampf der PartisanInnen in völlig verzerrter Form im „deutsch-kärntner“ Geschichtsbewusstsein instrumentalisiert wird, werden andere Kapitel der slowenischen Geschichte Kärntens/Koroškas völlig verschwiegen – z.B. die „Aussiedlung“ von ca. 1000 Kärntner SlowenInnen am 14./15. April 1942. Binnen einer Stunde mussten die Menschen ihre Häuser verlassen, sie wurden zunächst nach Ebenthal gebracht, mussten dort die Übergabe ihres Vermögens bestätigen, erhielten eine Nummer statt ihres Namens und wurden weiter in Lager im „Altreich“ geschickt. Diese Opfer sind ebenso wenig Teil des „deutsch-kärntner“ Gedächtnisses, wie die Toten vom Peršmanhof, wo eine SS-Polizeieinheit noch am 25. April 1945 ein Massaker verübte, dem 11 Menschen zum Opfer fielen.

    Angreifbare Traditionspflege: Von Mittenwald …
    Dieses Jahr trafen sich in Mittenwald zum 49. Mal Wehrmachtsveteranen, ehemalige und aktive Bundeswehrsoldaten sowie deren SympathisantInnen zum Gedenken. Bei der Traditionspflege der Gebirgstruppen werden die Kriegsverbrechen im Rahmen des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges unter den Tisch gekehrt. Unter dem Deckmantel der „Bandenbekämpfung“, als „Vergeltungsmaßnahmen“ für (angebliche oder tatsächliche) Widerstandsaktionen der Zivilbevölkerung und der PartisanInnen, verübten Einheiten der Gebirgsjäger über 50 Massaker in Griechenland, Italien, Frankreich, Finnland, Jugoslawien, Polen, Albanien und in der Sowjetunion. Im nordgriechischen Dorf Kommeno ermordeten sie 317 ZivilistInnen und auf Kephallonia, einer Insel bei Korfu, metzelten sie über 5000 entwaffnete italienische Soldaten nieder.

    Seit einigen Jahren konfrontieren AntifaschistInnen die Öffentlichkeit mit der mörderischen Tradition der Gebirgstruppe im bayerischen Mittenwald. Zu Pfingsten 2002 gab es zum ersten Mal Proteste von AntifaschistInnen gegen das Treffen und in den vergangenen drei Jahren wurde verstärkt nach Mittenwald mobilisiert: Gegen den Skandal eines Tätergedenkens, an dem sich nicht nur die noch lebenden Täter, sondern auch die Bundeswehr beteiligt; gegen den Skandal, dass unbeirrt an der Mähr von Ehre und Tugend der Gebirgstruppe gestrickt wird; gegen den Skandal, dass antifaschistische AktivistInnen Jahr für Jahr mit Strafverfahren eingedeckt und polizeilicher Repression ausgesetzt werden, während es die bundesdeutsche Justiz bislang noch nicht fertig gebracht hat, auch nur einen einzigen Wehrmachtsoffizier wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen zu verurteilen.

    Die Reaktionen des Kameradenkreises seit Beginn der Kampagne reichen vom Leugnen der Fakten bis hin zum Versuch, Massaker dadurch zu legitimieren, dass man sich ja nur gegen PartisanInnen geschützt habe. Diejenigen, die am Ort der Täter das Gedenken an die Ermordeten einfordern, werden angegriffen – so geschehen 2002, als einige AntifaschistInnen bei einem Festmahl des Kameradenkreises zum ersten Mal eine Gedenkminute für die bei Massakern Getöteten abhalten wollten. Seither zeigt sich immer wieder, was der Kameradenkreis ist: eine Selbsthilfegruppe für Kriegsverbrecher.

    Dem generationenübergreifenden soldatischen Geist wird seit 2002 von antifaschistischer Seite aber nicht nur durch Protest, sondern auch durch Veranstaltungen mit Überlebenden der Massaker der Gebirgstruppe und PartisanInnen, die dadurch am Ort der Täter eine Stimme erhalten, entgegnet. Das Traditionstreffen ist vom alljährlichen normalen Vorgang zum brisantesten Thema der lokalpolitischen Debatten geworden.

    … über Kreta …
    2005 weitete sich die Kampagne gegen die Gebirgsjäger bis nach Kreta aus. Vor 65 Jahren erfolgte der erste Großeinsatz deutscher Gebirgsjäger in Griechenland. Unterstützt von Fallschirmjägern begann die 5. Gebirgsjägerdivision am 20. Mai 1941 mit der Invasion Kretas. Im Zweiten Weltkrieg waren in Griechenland zu verschiedenen Zeiten u.a. zwei Gebirgsjägerdivisionen im Einsatz, wobei die 5. Gebirgsjägerdivision mit ca. 14.000 Soldaten die militärische Hauptkraft zur Besetzung Kretas war. Bei der Invasion stießen die Deutschen auf unerwartet starken Widerstand der BewohnerInnen Kretas. Die deutschen Verluste waren um circa 20 Prozent höher als bei den vorausgegangenen Feldzügen gegen Jugoslawien und das griechische Festland zusammen. Auf den bewaffneten wie auch unbewaffneten Widerstand der Zivilbevölkerung Kretas reagierten die deutschen Einheiten mit unglaublicher Brutalität und begingen noch während der Kämpfe um Kreta Massenerschießungen und zerstörten Dörfer. Generalmajor Ringel, Kommandeur der 5. Gebirgsjägerdivision befahl: ‚… für jeden deutschen Verwundeten oder Gefallenen sind 10 Kreter zu erschießen, Gehöfte und Dörfer, in denen deutsche Truppen beschossen werden, sind niederzubrennen, in allen Orten sind Geiseln sicherzustellen.‘ In Befolgung des Befehls wurden innerhalb weniger Wochen über 2.000 BewohnerInnen Kretas brutal ermordet.

    Auf Kreta findet jährlich am 20. Mai eine revisionistische Gedenkveranstaltung auf dem „Deutschen Soldatenfriedhof“ in Maleme statt. Jahrelang wurde ungestört das faschistische Lied der Fallschirmjäger „Rot scheint die Sonne“ gesungen und Kränze mit Texten wie „Treue für Treue“ abgelegt. 2005 reisten AntifaschistInnen aus Deutschland nach Kreta, um gemeinsam mit griechischen GenossInnen dem revisionistischen Treiben ein für alle mal ein Ende zu bereiten – die Veteranen mussten schließlich auf ihre traditionelle Gedenkfeier verzichten.

    Während auf Kreta die Zeiten für Gebirgsjäger nicht mehr so rosig aussehen, wurde der Spuk am Ulrichsberg bis heute nicht beendet. Querverbindungen gibt es aber genügend. So hängt am Ulrichsberg bis heute eine Gedenktafel mit der Aufschrift: „Unseren gefallenen Fallschirmjägern – Treue um Treue – 1939-1945″ – lediglich das Hakenkreuz wurde aus dem auf der Tafel abgebildeten Abzeichen der Fallschirmjäger weggelassen. Andere Tafeln am Ulrichsberg erinnern wiederum an die Gebirgsjäger, die, unter Führung von General Ringel, an der Invasion von Kreta beteiligt waren. Ringel war nach dem Krieg nicht nur gerne gesehener Gast am Ulrichsberg, seine Uniform und Erinnerungsstücke lagen bis vor kurzem als traditionsstiftende Andenken in einer steirischen Kaserne des österreichischen Bundesheeres.

    … zum Ulrichsberg
    „In Kärnten traut sich ja schon längst kein Linker zu demonstrieren“, war der Kärntner Landeshauptmann noch vor wenigen Jahren überzeugt. Nichtsdestotrotz fanden sich letztes Jahr rund 150 AntifaschistInnen in Kärnten/Koroška ein, um gegen die Verherrlichung von Kriegskameradschaft durch ehemalige SS- und Wehrmachtsveteranen sowie Angehörige des Bundesheeres zu protestieren, die mörderische Traditionspflege anzugreifen und auf die Opfer eines verbrecherischen Krieges aufmerksam zu machen.

    All dies ging 2005 auch nicht spurlos an der Ulrichsbergfeier vorbei. Unter dem Eindruck der Proteste sah sich der Festredner, ÖVP-Landesrat Martinz, erstmals zu einer teilweisen Distanzierung von anwesenden Veteranen genötigt, als er von einem Unterschied zwischen Wehrmachtsangehörigen sowie Mitgliedern von Waffen-SS und Totenkopfverbänden, sprach. Auch wenn diese Aussagen für hör- und sichtbaren Unmut unter vielen TeilnehmerInnen des Treffens sorgten, steckt hinter solchen Aussagen vor allem der Wunsch das Andenken an die Wehrmacht unberührt zu lassen, während verdrängt wird, dass viele Kriegsverbrechen, wie am Beispiel der Gebirgsjäger nachzuweisen ist, nur unter massiver Beteiligung der Wehrmacht vollzogen werden konnten.

    Entschädigung für die Opfer / Odškodnine za žrtve
    Während die Mörder von einst strafrechtlich nicht verfolgt wurden und sich ihre „Dienstjahre“ für die Pension anrechnen können, wird die Entschädigung von NS-Opfern in Österreich bis heute verzögert. Wehrmachtsdeserteure werden vom österreichischen Staat nicht als Opfergruppe anerkannt, sondern müssen individuell nachweisen, dass sie aus „politischer“ Überzeugung Widerstand geleistet haben und – im Rahmen eines verbrecherischen Krieges – nicht „bloß“ aus „Drückebergerei“ und soldatischer „Ehr- und Pflichtverletzung“.

    Opfer von Wehrmachtsverbrechen haben bis heute zumeist gar keine Chance Entschädigungen zu bekommen, da solche „Kollateralschäden“ an ZivilistInnen ins offizielle Geschichtsbild von Soldaten die einer „Kameradschaft“, sowie „Ehre und Treue“ verpflichtet sind – wie dies beim Ulrichsbergtreffen der Fall ist – keinen Platz finden können. Aber auch, weil die Länder der Täter – Österreich und Deutschland – nicht bereit sind für die Verbrechen der Wehrmacht Verantwortung zu übernehmen.

    Kein Vergeben, kein Vergessen! / Ne odpustiti, ne pozabiti!
    Wir rufen daher alle AntifaschistInnen und AntimilitaristInnen zur Teilnahme an den geplanten Protestveranstaltungen gegen die Traditionspflege der „Heimkehrer“ am 15.-17. September 2006 auf. Auch heuer wollen wir dazu beitragen, dass dieses Soldatentreffen gebührend gewürdigt wird!

    Gegen revisionistische Opfer-Mythen! / Proti revizionističnim mitom o žrtvah! Für die Auflösung des Ulrichsbergtreffens! / Za razpustitev srečanja na Ulrichsbergu! Für die Bestrafung der letzten lebenden Kriegsverbrecher! / Za kaznovanje zadnjih živih vojnih zločincev! Für die sofortige Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure! / Za takojšnjo rehabilitacijo dezerterjev „wehrmacht-a“! Für die sofortige Entschädigung aller NS-Opfer! / Za takojšnjo odškodnino vsem NS-zrtvam!

    Weitere Infos: www.u-berg.at